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Sex sells - aber nicht ohne Sellerie
"Jedes Tier kann es": Ein Liederabend im Esslinger Zollberg-Theater
will erotisch sein Esslingen - Wenn die Werbung nicht weiter weiß, mag sie es ein bisschen heiß:

Irgendwas Nackiges muss dann her, zumindest aber eine Portion Verbalsex. Was Kassenstände todsicher erigieren lässt, heißt im wunderbar anglifizierten Marketing-Neudeutsch: Sex sells. An das, was sich immer gut verkauft, mag man an der Esslinger Landesbühne (WLB) gedacht haben, als wieder mal ein Liederabend im Zollberg-Theater fällig war. "Jedes Tier kann es", nennt sich das Resultat, doch vor das "es" haben die Liebes- und die Theatergötter eben das Können gestellt. Folglich gilt: Sex sells - aber nicht ohne Sellerie, sprich: potenzsteigernde Regie-Zutaten. Und genau an diesen hat Marcus Kohlbach arg gespart.Weder tierisch noch ekstatischWas der Regisseur mit seinen je zwei Darstellerinnen und Darstellern treibt, lässt den Zollberg weder zum tierischen Zoo- noch zum ekstatischen Venusberg werden. Oder sollen Wartesaal- und Zeitlupenatmosphäre, Auf- und Ab- und Im-Kreise-Gehen vom Elend des Eros in tiefen Mar- und Jammertälern künden? Fürwahr, hier könnte ein Christoph Marthaler seine Tran- und Trance-Séancen inszenieren: Rechts ein Rotlicht-Bezirk unterm Ikea-Ballonhimmel, links eine Bar, dazwischen manchmal ein Paar, das Ganze ein Spiegelkabinett als spiegelbildliches Großstadtlabyrinth samt scheibenloser Drehtür, in welcher die Akteure bisweilen rotieren wie Hamster im Rad - ein Sinnbild ewig unerfüllter Sexualität?

Von Martin Mezger

Blasse Abziehbilder Ja, man mag trefflich deuteln an Sebastian Hannaks Bühnenbild, das allemal verdient hätte, von Personen bespielt zu werden. Doch Kohlbach zeichnet blasse Abziehbilder: einen Strizzi zwischen jüngerem Konstantin Wecker und purem Hartmut Engler (Ralph Hönicke), einen lernfähigen Schüchterling (Jan Reinartz) mit den Männlein-Applikationen staatstheatertragender Werbung auf dem Anzug (wieso eigentlich?), eine lüstern Naive (Claudia Dölker mit blonder Perücke), die schon mal die krumme Stange der Straßenlaterne zwischen die Oberschenkel klemmt, und eine verglühend Mondäne (Susanne Weckerle), die im hauchenden Ernstfall noch mal zur gefährlichen Venusfliegenfalle aufblüht.

Als Liederabend ist das so gut oder so schlecht (also meistens gut) wie die Lieder vom Hohenlied bis Georg Kreisler, von Mörike bis Leonhard Cohen, von Villon bis Brecht und bis zum Romantiker Friedrich Schlegel, der sich als handwerklicher Autoerotik-Mechaniker outet. Es wird ordentlich, wenn auch nicht überwältigend gesungen, der Arrangeur und Komponist Oliver Krämer hat gut zugearbeitet, Thomas Rahlfs entfaltet an seinem Keyboard den Drive eines Show-Orchesters, und blasen kann er auch; nämlich die Posaune des jüngsten Gerüchts von einem etwas anderen Bläser mit etwas tieferem Ansatz.

Weil Kohlbachs, Krämers und Barbara Ritters Auswahl der Gesänge eine schöne Balance zwischen Stammtisch-Lyrik und tiefer Empfindung wahrt, wäre das Ganze ein nettes erotisches Poesiealbum - aber als Theaterspiel knistert darin keine Erotik, sondern raschelt nur das Notenpapier. Unterinszeniert verdämmern Pointen und Situationen, und "erotische Blitzlichter", wie sie der Untertitel verheißt, zünden hier so wenig wie nasses Stroh. Daran ändert auch die - nunmehr überinszenierte - Klick-Klick-Nummer am Ende nichts, die noch einmal Revue passieren lässt, was von Anfang an nicht blitzte. Kohlbach bedient sich in der obersten Schublade einschlägiger Posen und Gesten - der Kamm fährt eitel durchs Pomadenhaar, die Hand wandert zaghaft in erogene Zonen -, aber seine Inszenierung kriegt ihn einfach nicht hoch, den Abend.

Die nächsten Vorstellungen: 28. November, 11. und 12. Dezember.