Der Komponist Georges Aperghis

„Das Entscheidende ist das Kommen und Gehen zwischen dem Künstler und dem, der das Werk empfängt.“

 

Aperghis wurde 1945 in Athen geboren, als Kind eines Bildhauers und einer Malerin. Seine Jugend in Griechenland und der freie und künstlerisch reiche familiäre Hintergrund hat Aperghis in vielfacher Hinsicht geprägt. Er selbst erzählt von seinem Leben in den Athener Vororten: „Ich wohnte in einer Straße ohne Autos, sie war nicht mal geteert. Wir lebten einer auf dem anderen. Die Straße war eine Szene; kein Tag verging ohne Geschichten.“

Aperghis war größtenteils Autodidakt und teilte seine Interessen zwischen Malerei und Musik, die er durch das Radio und die gelegentlichen Klavierstunden eines Familienfreundes entdeckte. In Athen hatte er noch wenig Kontakt zur europäischen Avantgarde, aber er hatte Zugang zu einigen Partituren und hörte vor allem Schönberg, Bartók und Strawinsky. Die ersten Experimente mit konkreter Musik von Pierre Schaeffer und Pierre Henry waren wie eine Offenbarung, 1963 entschied er sich, nach Paris zu gehen, wo er seither lebt und arbeitet.

Seine frühesten Arbeiten „Antistixis“ für drei Streichquartette, „Anakroussis“ für sieben Instrumente (1967) und „Bis“ für zwei Orchester (1968) zeigen den Einfluß sowohl des Serialismus als auch von Xenakis' Recherchen. Aperghis selbst beschreibt diese Stücke als Studien. Aus dem Bedürfnis heraus, eine freiere, persönlichere Sprache entwickeln zu wollen, interessierte er sich für die Werke von John Cage und Mauricio Kagel (dem viele seiner Werke in Sachen Originalität und in der Mischung aus Ernst und Humor vielleicht am nächsten kommen), und erschloß sich die Welt des Theaters; mit dem „théâtre musical“ gehört er zu dessen aktivsten und hartnäckigsten Vertretern. Daneben entstanden mehr als 100 Werke für die unterschiedlichsten Besetzungen, wobei sein Hang zur Theatralik und Provokation immer spürbar ist.

1976 gründete er das „Atelier Théâtre Et Musique“ (ATEM), ein multimediales Musiktheater, das seinen Sitz bis 1991 in Bagnolet hatte und seither am Théâtre Nanterre-Amandiers beheimatet ist. Innerhalb dieser Struktur erneuerte er seine Praxis als Komponist; die intensive Zusammenarbeit mit Musikern und Schauspieler-Sängern prägte seinen Stil. Seine Werke für ATEM – zwischen 1976 und 2000 entstanden mehr als 20 Stücke, darunter „Jojo“ (1990), „Sextuor“ (1993) und „Commentaires“ (1996) – sind meist inspiriert vom alltäglichen Leben, soziale Zustände sind in eine poetische Welt übersetzt, die oft absurde und satirische Züge annimmt. Diese Werke sind aber auch komponierte Faszination der Verbindung von Musik, Wort und Bühne, aus der Aperghis bis heute schöpft. Bei ihm sind Stimme, Instrument, Bewegung und Szene unbedingt gleichberechtigte Elemente eines Ganzen.

Insbesondere die menschliche Stimme übt auf Aperghis eine tiefe Faszination aus, wobei der Interpret bei Aperghis viel aus sich selbst schöpft und entwickelt. Er ist quasi als dynamische Masse mitkomponiert, das Werk entsteht quasi erst während der Realisierung: „Die Zusammenhänge zwischen der Musik und der Aktion faszinieren mich. Ich stelle mir mehrere Erzählungen vor, die einen Teil der Szene einnehmen und Platz für Kommentare lassen – kritisch oder nicht; so viele Abschweifungen, wie die Fußnoten am Ende der Seite in einem Roman. Le plus important est toujours à côté...“