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Stuttgarter Nachrichten, 14.7. 2003 von Nicole Golombek Ein Fest der Monotonie: Uraufführung von René
Polleschs Stück LSD in Stuttgart Jeder darf einmal. Wie gut erzogene Kinder stellen sich vier junge Menschen am unteren Ende einer Notrutsche an, werfen sich nacheinander auf das gelbe Luftpolster, schütteln ihre Glieder, bis die riesige Rutsche selbst zu hüpfen beginnt. Auf absolute Bewegung folgt absoluter Stillstand: Silja Bächli, Christian Brey, Hanna Scheibe, die wegen eines Unfalls tapfer mit Halskrause spielt, und Kai Schumann verschwinden hinter und unter den Rutschen. Da sitzen und liegen sie dann auf Spielautomaten, mit denen sie Geld gegen Rausch und Sucht tauschen können. Die Bühne ist leer, nur auf einer Leinwand ist zu sehen, was in dem kalt blinkenden Heim vor sich geht, das ihnen Michaela Springer und Indra Nauck eingerichtet haben. Zoom auf das Gesicht von Silja Bächli, außer Atem. Ich will Sex gegen Drogen tauschen, schnauft sie mit stierem Blick. Dennoch, das Glück der Gleichgültigen ist den Figuren nicht vergönnt in René Polleschs Stück LSD, das als Koproduktion mit dem Staatstheater Stuttgart und der Bühnenbildklasse von Martin Zehetgruber von der Akademie der Bildenden Künste am Freitag uraufgeführt wurde. Zweieinhalb Stunden beobachtet man sie im Alten Landtag in Stuttgart bei Meditationen über Liebe, Sex, Arbeit als Krankheit , Marktgesetze und Warenlogik. Dazu erklingen Loungemusik, Sitarmelodien, Psychedelisches von Pink Floyd als Spiel mit der Vergangenheit: die 70er reloaded. Nur geht es nicht mehr um sexuelle Befreiung oder um Bewusstseinserweiterung durch Drogen. Die Figuren kämpfen auch nicht gegen die Gesellschaft, sie kämpfen gegen sich selbst. Würde man nicht lieben, wäre dieses Leben leichter zu ertragen. So versuchen sie sich zu entlieben, ihre Subjektivität abzulegen, zu veräußerlichen. Selbst ihr Sprechen gehorcht der Ökonomie, sie haushalten mit der Stimme, flüstern mit Bedacht. Gleichsam als Gegenentwurf zu den Schreiorgien, die man von Polleschs Inszenierungen kennt und die jetzt nur noch in den Szenen eingesetzt werden, in denen die Schauspieler als Irrenhauspatienten ein Stück mit zu vielen Handlungssträngen inszenieren wollen, wispern sie unendlich langsam ins Mikrofon, bis man von den Worten nur noch einzelne Buchstaben versteht. Wie sie sprechen, so filmt die Kamera die Körper, zerlegt sie in ihre kleinsten Bestandteile, in Gesten, minimale Bewegungen. Fraktale Zerteilung des Körpers, Rückzug in manipulierte Bilderwelten, Träume von unendlicher Reproduktion - da wird Baudrillard hinter der Bühne, auf der Leinwand nachgespielt. Doch Pollesch findet wenig aufregende Bilder und keinen Rhythmus für seinen klugen Text. In der Langsamkeit, in der er gesprochen wird, gerät das Gesagte gewollt bedeutungsschwer. Seltsam unberührt hockt man auf den Sitzwürfeln mitten auf der Bühne, wird als Requisit Teil dieser großen Traurigkeit und Monotonie. Pollesch hat alles darangesetzt, sein Stück über Kapital und Liebe, Geld und Sex so unsexy, so ermüdend wie möglich zu inszenieren. Auch dies ein Einfall, der allzu bald platt und fade wirkt. Nicole Golombek |
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