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LIFT STUTTGART (Juliausgabe 2003) von Nicole C. Buck

Und immer wieder geht die Sonne auf

-Scheiße- brüllen die Fans von Smarthouse, denn im Juni wurde René Polleschs
politisch-poppiges Stück zum letzten Mal am Staatstheater gespielt. Doch
keine Angst vor dem Entzug, das neues Stück -LSD- ­ eine Kooperation des
Staatstheaters und der Bühnenbildklasse ­ feiert bereits im Juli Premiere.

Ein Straßencafé. Die vier Schauspieler Silija Bächli, Christian Brey, Hanna
Scheibe und Kai Schumann, die bereits bei -Smarthouse- mit René Pollesch
zusammengearbeitet haben, genießen die Sonne und unglaublich viele
Eisbecher. Und freuen sich offensichtlich auf das neue Stück -LSD-. Was wird
das Thema sein? -Sex und Drogen-, grinst Kai Schumann. Das Gefühl, auf den
Arm genommen zu werden, keimt in mir auf, doch dann fügt er hinzu: -In LSD
sind Drogen legal, sie werden zur Währung, z.B. um sich damit ein anderes
Ich zu erkaufen.- Okay, so klingt es nach René Pollesch, denn seine Stücke
sind zwar auf den ersten Blick bunte Popkultur, allerdings immer politisch
und gesellschaftskritisch. -Könntet ihr bei den Stücken mitwirken, wenn ihr
nicht mit Polleschs Intentionen übereinstimmen würdet?- -Auf keinen Fall,-
antwortet Brey, -denn bei Pollesch sind die Schauspieler nicht nur
Sprachrohr. Wir spielen keine Rolle im herkömmlichen Sinn.- Bächli: -Wenn
jemand etwas nicht sagen möchte, weil er nicht dahinter steht, sagt es
jemand anderes oder die Passage wird umgeschrieben.-
Clip
Autor und Regisseur Pollesch, der u.a. den Berliner Prater leitet, feiert in
Berlin, Hamburg und Stuttgart große Erfolge. Und er schafft, was sich viele
Theater wünschen: ein junges Publikum. Warum? Polleschs Theaterprinzip ist
ein ganz eigenes, ein Spiel mit Rhythmik und Lautstärke: Die Stücke bestehen
aus komplizierten Sprechpassagen, deren Sätze entweder laut wie aus
Schnellfeuerwaffen gesprochen oder langsam und leise geflüstert werden.
Dazwischen stehen wortlose Szenen, Clips genannt, die den Text spielerisch
unterlegen.
Clip
So verlaufen die Proben anders als beim üblichen
Theaterbetrieb. -Produktives Kaffeetrinken-, nennt es Silija
Bächli, -offener Diskurs- Christian Brey. Sie übten nicht im herkömmlichen
Sinne, sondern diskutierten Inhalte. -Die Arbeit mit Pollesch schärft den
Blick, für das, was um uns passiert-, so Hanna Scheibe.
Böse Zungen behaupten, das Theaterprinzip Polleschs sei bald ausgereizt. Dem
widersprechen die vier Schauspieler vehement, die Stücke definierten sich
stark über den Inhalt. Zudem hinterfrage sich Pollesch ständig selbst,
arbeite u.a. mehr mit unterschiedlichen Medien, so sei auch formal in den
neuen Inszenierungen eine Entwicklung erkennbar.
Clip
-Polleschs Themen werden persönlicher, gehen weg von der abstrakten Ebene
hin zu individueller Problematik, zu Gefühlen-, so Indra Nauck, die am
Bühnenbild für -LSD- mitarbeitet, -doch die Kritik an der Konsumhaltung
bleibt zentrales Thema.- Es ist wieder ein heißer Nachmittag. Diesmal an der
Kunstakademie, zu Gast bei der Bühnenbildklasse Professor Martin
Zehetgruber. Zwei Bühnenbilder wurden hier entworfen, da die Premiere
von -LSD- im Alten Landtag stattfinden wird, ab November ist das Stück dann
im Schauspielhaus zu sehen.
Ideen für Bühnenbild und Kostüme hatte die Gruppe um Indra Nauck und
Michaela Springer viele, nach mehren Treffen mit Pollesch wurde das Konzept
mit Flugzeug-Notrutschen, Sitzwürfeln und Spielautomaten umgesetzt. -Die
Sitzwürfel sind mit individuellen Piktogrammen versehen, die Rutschen
symbolisieren eine Doppeldeutigkeit, im Theaterkontext bedeuten sie Spaß,
implizieren aber auch Not und Flucht-, so Michaela Springer.
Clip
Eines muss an dieser Stelle, vor allem für Menschen, die Polleschs
Theaterarbeit nicht kennen, noch dringend erwähnt werden: Seine Stücke sind
unglaublich energiegeladen, faszinierend und begeistern ­ auch das Publikum
und nicht nur die, die mit ihm zusammenarbeiten. Nicole C. Buck

LSD, Uraufführung 11.7., weitere Termine12., 14., 16., 17. & 20.7., jeweils
20 Uhr, Alter Landtag, Heusteigstr. 45, S-Mitte, Karten über das
Staatstheater.


René Pollesch über seine Arbeit:
-Ich stoße auf theoretische Texte, mit denen ich mich selbst befrage, sie
verschaffen mir in meiner Arbeit und meinem Leben eine Orientierung. Ich
versuche, mit einem Thema, das mein eigenes Leben betrifft, bei meinen
Schauspieler/innen Interesse zu wecken. Was hat das mit unserem Leben zu
tun? Wie wollen wir arbeiten? Es ist der Alltag, der im Zentrum steht. Ich
habe keinen aufklärerischen Anspruch, Theater hat auch keinen Auftrag, diese
Art von Kritik von außen ist jedenfalls nicht mein Auftrag.-

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