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Süddeutsche Zeitung (vom 14.7.2003)
von Christopher Schmidt Neues aus dem Irrenhäusle tautologischen "Ich bin, der ich bin" herumtrampelt, erfährt erst am Ende seines Lebens, dass all die Lebensentwürfe, die wie ein Etui sein "wahres" Ich bewahren sollten, nur die Schalen einer Zwiebel waren, die ein Nichts beschützen. Man selbst zu sein, heißt gerade nicht nur man selbst zu sein, sondern "sich überwinden und seine Bestimmung" finden - so wird das Paradox des "Werde, der du bist" enthüllt. Diesen Prozess der Individuation will René Pollesch als "bürgerliche Subjektposition" entlarven, als die vom System gestützte Täuschung, es gäbe eine Innerlichkeit, die den Gesetzen des Marktes nicht unterworfen ist. "Das Geld will, dass wir über Liebe reden", heißt es in "LSD" - weshalb Pollesch lieber über Geld redet. So wirkt sein neues Stück, das der Zufall des Spielplans mit der Premiere von "Peer Gynt" an einem Wochenende zusammenwürfelte, wie eine späte Antwort auf Ibsen. Das bürgerliche Subjekt, das sich bei Ibsen positioniert, will im Postkapitalismus nichts mehr von sich wissen und zieht sich hinter den Videoschirm zurück.
Weber erzählt das Stück als Rückblende. Peer öffnet den Koffer, der eiserne Vorhang hebt sich, und er sieht sich als jungen, wilden Hund, zusammen mit seiner Mutter Aase, einer versoffenen Schlampe in Goldpantinen. Als Zuschauer seines Lebensfilms bleibt Lutz Salzmann, der den alten Gynt spielt, auf der Bühne präsent, schlüpft immer wieder in die Leinwand hinein und in verschiedenste Rollen. Erst im fünften Akt hat der Flashback zur Gegenwart aufgeschlossen, und der junge und der alte Gynt tauschen die Rollen. Den Raum für dieses Traumspiel begrenzt Frank Hänig durch abfallende Batterien von Stahlspinden, die die Tiefenwirkung der zentralperspektivischen Bühne verstärken. Die Schübe und Fächer bergen die Requisiten; auch die neun, in mehreren Rollen besetzten Schauspieler entsteigen den Schränken, was Hasko Weber elegante szenische Überblendungen erlaubt, ohne Umbauten, eine fließende Dramaturgie, in der sich Bilder magisch verdichten.
Sein "Gynt" wirkt, als habe er mit dem Oldtimer Ibsen eine Schönwetterrunde ums Haus gedreht, anstatt ein Ziel anzusteuern. Weber setzt auf bewährte Theatermittel wie ein vorsichtiger Nachlassverwalter, Juniorchef des alteingesessenen Familienunternehmens Thalia, der die Produktpalette lediglich einem behutsamen Facelifting unterzieht.
Der Stuttgarter "Peer Gynt" stand unter der Frage, wie sich das alte Theater unter den Bedingungen des neuen behaupten kann. Die Antwort lautete: Als Theater-Theater. Am Abend zuvor aber gab es das neue Theater zu sehen, das das alte Anti-Theater ist. Da das Stuttgarter Staatstheater fast so viele Spielstätten hat wie Premieren (29), manche der Spielstätten aber weniger Sitzplätze als deren Gesamtzahl, wurde der wilhelminische Bau des Alten Landtags von der Party-Crowd belagert.
Der so genannte Highspeed-Regisseur Pollesch hat die Verlangsamung entdeckt. Die Vier flüstern lange Monologblöcke extrem retardiert ins Mikro und sinnieren über die Unmöglichkeit der Liebe in einer Epoche, da ein Gesicht nur ein soziales Display ist. Dann, als habe jemand die Schnellvorlauftaste betätigt, markieren sie in atemloser Hysterie Psychiatriepatienten, die eine Klinik-Soap einstudieren. Man brüllt sich frei, um sofort wieder in brütende Selbstbeschau zu fallen. All dies trägt sich hinter der Bühne zu, nur zwischendurch kommen die Nesthocker raus aus ihrem Irrenhäusle und zappeln auf der Notrutsche wie Tourette-Patienten, verfolgt von der Souffleuse, die hier gut zu tun hat. CHRISTOPHER SCHMIDT |
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