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Süddeutsche Zeitung (vom 11. Juli 2003) von Adrienne Braun Au ja, wir spielen Tiger Quark muss es sein. "Quark ist gut", sagt Silja Bächli und klatscht sich eine satte Portion Magerstufe an die Backe. Ein kleiner Probenunfall. Wer mit René Pollesch Theater macht, darf nicht zimperlich sein. Beulen, Schrammen, Stürze, ein paar Haare weniger - damit muss man rechnen. Und Heiserkeit, natürlich. Silja Bächli kennt das schon. Zwei Jahre lang hat sie sich mit Hanna Scheibe, Kai Schumann und Christian Brey im Stuttgarter Schauspielhaus bei Polleschs "Smarthouse 1 + 2" die Seele aus dem Leib geschrieen. Theater als Extremsport.
Nein, mehr nicht, auch wenn es mal wieder eine lange Nacht gewesen sein muss. Jeden Morgen liefert Pollesch ein weiteres Stück Text ab, manches davon wird während der Proben wieder gestrichen. Zu Beginn von "LSD" brachte er eine Materialsammlung mit, über die geredet wurde, Stunden, Tage lang. Über Drogen, Liebe, Käuflichkeit, über das, was von der Liebe im Zeitalter des Turbokapitalismus übrig bleibt.
Neue Probe, neuer Versuch: Die vier Schauspieler zappeln und zucken wie im Drogenwahn, schreien Sätze wie: "Das Kapital will, dass wir eigentlich über Liebe reden, wenn wir über Geld reden." Aber irgendetwas stimmt nicht an der Szene, sie vergessen ständig ihren Text, haben "die Inhaltlichkeit verloren", wie Pollesch es nennt. Hanna Scheibe sagt nur: "Ich sitze hier und habe Ideenmangel."
"Lasst den Text los", erklärt Pollesch, "wenn ihr einen Hänger habt, völlig egal". Welcher Autor würde so etwas schon sagen? Aber Polleschs Texte sind nie endgültig, sind Diskussionsvorlagen, die die Schauspieler aufgreifen und sich zu eigen machen. "Also dieses ,Sie' ist irgendwie komisch", meint Schumann, "ich mache das lieber mit ,Du'". Pollesch lässt ihn gewähren, und als sie die Szene in der fünften Version durchgespielt haben, sagt er: "Ihr hattet Recht."
Liebste Pflicht der Intendanten und Dramaturgen ist es, wie Fußballmanager ihre Mannschaften zusammenzustellen. Pollesch lässt sich kein Team diktieren, er interessiert sich nicht für Namen, ja, er behauptet sogar, dass ihm virtuoses Spiel unwichtig sei. Pollesch will, braucht Gleichgesinnte, er propagiert den autonomen Schauspieler, und wenn man ihm bei den Proben zuschaut, merkt man, wie ernst es ihm damit ist. "Ich mache nichts über die Köpfe der Schauspieler hinweg", sagt er. Und das hat seinen Grund. In seinem Theater stehen keine Figuren auf der Bühne, sondern Persönlichkeiten, die das, was sie sagen, auch meinen. Sie spielen nicht ein Stück oder gar "sein" Stück, sondern werden zu Mitproduzenten: Theater als kollektiver Prozess - und Polleschs Erfolg straft jene Lügen, die behaupten, dass es demokratisches Theater nicht geben könne.
Manchmal, wenn hier gegähnt und dort geschwatzt wird, droht Pollesch: "Ich nehme gleich die Arbeit auf, wenn ihr nicht spurt". Aber in Wirklichkeit sind es die Schauspieler selbst, die antreiben, neue Szenen entwickeln, experimentieren. "Das war grad wie Siegfried und Roy", sagt jemand. "Au ja, wir spielen Tiger", ruft Bächli. Die Kostümbildnerin bringt Perücken, die sie unter lautem Gejohle aufziehen, auch wenn sie nicht wie Tiger, sondern eher wie Hausfrauen ausschauen. Und wenn sie dann in ihrer grotesken Aufmachung zum Text zurückkehren, kann es sein, dass wie durch ein Wunder der Kindergarten zum Musentempel wird, dass sich ganz leise Poesie einschleicht ins überdrehte Spektakel.
ADRIENNE BRAUN
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