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Stuttgarter Zeitung (vom 14.7.2003) von Adrienne Braun

Theater als Kampf gegen die Illusion

Unterzeile: René Polleschs ''LSD'' von Staatsschauspiel und Kunstakademie im Alten Landtag uraufgeführt

Vorspann: Von Adrienne Braun

Text: Außer sich sein, aus sich herausgehen, die Kontrolle verlieren, neben sich stehen, die Grenzen des Ichs verlassen, einmal von außen sehen: Wer bin ich, ohne im Ich gefangen zu sein. Es gibt Wege zur Selbstvergessenheit: Sex, Drogen, Rausch. Und dann noch: der Tod. Die vier Figuren auf der Bühne wollen vergessen, um zu verstehen, die Kontrolle aufgeben, um endlich Kontrolle über sich zu bekommen. ''Ich will nicht wissen, wo ich bin'', sagt jemand. Also flüchten sie, in Ekstase, Sucht, in den Wahnsinn. ''Wie will man leben, wie sein?'' Nicht so, wie man ist.

Text: ''LSD'' nennt sich das neue Stück von René Pollesch, das nun im Stuttgarter Alten Landtag Premiere hatte. Auf der Bühne steht das Team, das schon in ''Smarthouse'' gespielt hat: Hanne Scheibe und Silja Bächli, Kai Schumann und Christian Brey. ''LSD'' ist eine Koproduktion vom Staatsschauspiel und von der Bühnenbildklasse der Kunstakademie. Nach der Sommerpause zieht die Produktion ins Schauspielhaus um.

Text: In ''LSD'' geht es um Drogen, das auch. Aber Polleschs Theater ist nie abgezirkelte Themenanalyse, sondern immer Bombardement, fortwährende Explosion, ein ewiges Ausspeien, Hinausschleudern, Abfeuern von Gedankenmaterial. Vier Personen auf der Bühne, doch es sind keine Charaktere. Bächli, Scheibe, Schumann und Brey sind Sprachrohr für die Befindlichkeit einer ganzen Gesellschaft, sie reisen durch den Kosmos des Fühlens, Sehnens, auch Leidens und geben den menschlichen Abgründen Worte. Sie beleuchten wie in einer theoretischen Abhandlung Phänomene aus zahllosen Perspektiven.

Text: ''LSD'' präsentiert eine Fülle an Gedanken und Motiven für menschliches Handeln - und all das ist viel zu komplex, um es in traditionellem Theater mit Handlung und klar definierten Figuren zum Ausdruck zu bringen. Polleschs Theater ist ein steter Kampf gegen die Illusion. Brecht zerstörte die Sehnsucht nach Traumtheater, indem er mit pädagogischem Impetus die Figuren aus ihren Rollen aussteigen ließ, um das Geschehen zu kommentieren. Pollesch lässt erst gar keine Illusion aufkommen - sowohl praktisch als auch konzeptuell. Stephanie Manz, die Souffleuse, wird zur Mitakteurin, ist den Schauspielern stets auf den Fersen, weil sie ihren Text gelegentlich vergessen. Die vier sprechen sich mit ihren Namen an, aber manchmal sind sie eben doch nicht sie selbst, sondern geben vor, Patienten einer Irrenanstalt zu sein, markieren Anfälle, Geschlechtsverkehr - und geben immer zu erkennen, dass es nur Theater ist.

Text: Wenn Hanna Scheibe als die psychisch kranke Hanna Scheibe angesprochen wird, aber gar nicht mehr Wahn spielt, wird die Angelegenheit hoch komplex. Dann bleibt nur noch der Text als Text, und es wird deutlich, dass es nichts Gültiges, nichts Wahres gibt. Was wir Sein nennen, ist doch nur eine Festlegung auf Grund gesellschaftlicher Vereinbarungen und Bewertungen. Plötzlich wird Kai Schumann als ''Frau Doktor Schumann'' angesprochen. Was ist also Identität?

Text: Ist sie das, was die Sprache benennt und definiert, oder gibt es Identität jenseits der Begriffe? Und Theater: ist es nicht nur Behauptung, Spielwiese, die doch immer der Konvention folgt? Dieser hohe Abstraktionsgrad macht Polleschs Theater schwierig - und zugleich ist es höchst sympathisch, weil die Darsteller authentische Menschen sind, die zwischendurch Sprudel trinken, sich etwas ins Ohr flüstern oder die Strümpfe hochziehen. Sie sind ein eingespieltes Team, das die Zuschauer hineinzieht in einen Raum der Reflexion, in dem Dinge, die jeden betreffen, eher assoziativ als konkret behandelt werden: Liebe, Käuflichkeit, Selbstvergessenheit. ''Warum bedeuten dir Unbekannte so viel mehr als ich?'' fragt Hanna Scheibe. Oder: ''Ich weiß, ich bin Scheiße, trotzdem will ich angerufen werden!'' Auch wenn sie es maschinenhaft hinausbrüllt, hört man doch leise die Tragik menschlicher Beziehungen.

Text: ''LSD'' fehlt dennoch das Unmittelbare von ''Smarthouse''. Lange Textpassagen werden gleichförmig ins Mikrofon geflüstert, die meiste Zeit befinden sich die Schauspieler verborgen hinter drei aufgeblasenen Rettungsrutschen. Mit gut geführter Kamera fängt Alex Schmidt Impressionen aus diesem Off ein, die für die Zuschauer übertragen werden. Auch die Technik dient als Mittel, um die Illusion zu durchbrechen. Am Premierenabend wird dieser mediale Filter aber eher zur Hürde. Zweieinhalb Stunden ohne Pause dauert ''LSD'', die Monologe sind lang, der Wechsel zwischen Ruhephasen und Aktionen auf den Rutschbahnen wirkt monoton.

Text: Polleschs Theater hat keine Handlung. Es ist ein gleichförmiger, gewöhnlich reißender, diesmal eher beschaulich fließender Fluss an Textmaterial. Leben, Reiz, oft auch poetische Kraft entwickelt sein Theater allein durch die Darsteller: Wenn Wort und Ausdruck so gar nicht zusammenpassen, beginnt der Zuschauer zu denken. Wenn die Unsicherheit über Identitäten zu groß wird, wenn alle Gewissheit perdu ist, beginnt dieses Theater zu pulsieren, manchmal auch zu toben.

Text: Die Stücke ziehen ihre Kraft nicht aus den Texten, sondern aus dem, was die Schauspieler daraus machen. Bei der Generalprobe hat sich Hanna Scheibe verletzt, sodass sie bei der Premiere mit Halskrause und sichtlich angeschlagen auftrat. Hier rächt sich das Konzept: Polleschs Schauspieler spielen nicht Figuren, sondern beleben jeden Moment mit ihrem eigenen Wesen. Die Furcht vor weiteren Verletzungen lag bleiern über dem Abend, es fehlte das Tempo, die Leidenschaft, die Zuversicht. Polleschs Theater ist immer ein Work in progress, aber ''LSD'' sieht man an, dass es noch nicht fertig ist. Potenzial ist da, dafür sorgt allein die intensive Beschäftigung mit dem elementaren Thema Liebe im Zeitalter des Kapitals. Jubelnden Applaus gab es dennoch, aber wer Pollesch und sein Stuttgarter Team kennt, der weiß, dass sie es noch besser können.

Text: Vorstellungen am 16., 17., 20. Juli, Heusteigstraße 45, Kartentelefon: 20 20 90

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